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Georgien 2011

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Tbilisi - Unter-Karelien

Zentrum von Tbilisi
Zentrum von Tbilisi
Links drücken, rechts drücken, links drücken, rechts drücken...immer weiter hoch. Während uns die Sonne den Rücken wärmt und uns hin und wieder ein streunender Hund ankläfft radeln wir aus Tbilisi hinaus – immer bergauf. Zwei Tage vorher waren wir in der Hauptstadt Georgiens gelandet.
Aus dem bereits kühlen Deutschland kommend, genießen wir den hier herrschenden Spätsommer, erkunden die Stadt und kommen schnell in der hiesigen Realität an.

Georgien, dieses kleine Land im Kaukasus, war einer der wohlhabendsten Satellitenstaaten der Sowjetunion. Man exportierte Wein, Mineralwasser, Zitrusfrüchte, Tee und es gab Fabriken für LKW's, Traktoren, Flugzeug- und Computerteile. Doch nach der Unabhängigkeit brachen Zulieferungen aus der Sowjetunion ab – ebenso der komplette Absatzmarkt. Man spricht davon, dass das Produktionsvolumen 1994 nur noch 25% des Volumens von 1989 betrug. Nach den Jahren der Stagnation unter Präsident Schewardnadse, als mafiaähnliche Zustände im Land herrschten, war dies nicht besser und 2001 belief sich der Wert auf ca. 35%. In einer Zeitung lese ich etwas über 60% Arbeitslosigkeit und natürlich über den ungeliebten Nachbarn im Norden. Das es dem Land wirtschaftlich nicht gut geht, ist offensichtlich. Viele Häuser sind baufällig und es stehen viele Industrieruinen in der Landschaft. Doch auf der anderen Seite sehen wir viele Renovierungsarbeiten, Baustellen, neue Straßen und Stromleitungen entstehen. Es scheint bergauf zu gehen. Auch in Tbilisi sehen wir viel Neues entstehen und die goldige Altstadt lädt mit bunten Cafè's  und Kunstgalerien zum Verweilen ein.


Zelten zwischen Heuhaufen
Zelten zwischen Heuhaufen
Doch wir haben anderes vor. Wir wollen raus, wollen in den drei Wochen etwas von der grandiosen Natur erleben und einen Eindruck vom Leben der Menschen erhalten.
Aber zunächst müssen wir diesen Anstieg hinauf, um durch den kleinen Kaukasus nach Südwesten bis nach Batumi zu fahren. Je weiter wir aus der Stadt hinaus kommen, desto mehr Landstraßencharakter bekommt die Umgebung und am Abend finden wir uns zeltend auf einer Wiese, wo wir den Sonnenuntergang über den Hügeln betrachten.

Wenn wir durch die Dörfer fahren, ernten wir zurückhaltende Blicke und meist werden wir zunächst etwas skeptisch beäugt. Kein Wunder, schließlich sind zwei Europäer mit bepackten Rädern nicht unbedingt ein alltäglicher Anblick. Doch wenn wir lächelnd mit „Gormadshobat“ grüßen oder den Kindern zuwinken, schleicht sich meist ein Grinsen auf die oft vom Wetter gegerbten Gesichter und es wird freizügig zurück gegrüßt. Unverständlich bleiben die Mienen der Dorfbewohner jedoch, als wir von der gut geteerten Straße abbiegen auf eine Ruckelpiste, die durch die Berge führt. Was anfangs noch als eine Schlaglochpiste beginnt, verändert sich bald in einen Pfad, der durch die Felder führt, auf denen die Dorfbewohner ihr hoch angehäuftes Heu auf Lastwägen oder Ochsenkarren laden und in die Dörfer fahren. Große Steinbrocken liegen auf dem Weg und wir fahren schließlich lieber daneben direkt in der Wiese, während wir diesen Pfad schmunzelnd „Highway“ taufen.

Unser "Highway"
Unser "Highway"
Doch lohnenswert ist dieser Streckenabschnitt auf alle Fälle, denn die Aussicht auf die kargen Berghänge, die weiten Täler und der tiefblaue See sind einfach traumhaft anzusehen. Während ich Wasser filtere und Julia uns ein paar Nudeln kocht, gesellt sich ein Hirte zu uns. Wofür ich das Wasser pumpe, kann ich ihm nicht verständlich mache und auch darüber, dass wir mit dem Fahrrad unterwegs sind, schüttelt er nur den Kopf. Interessiert ist er dennoch und lässt es sich auch nicht nehmen, einen Blick in unser Zelt zu werfen. Was wir doch für zwei komische Gestalten für ihn sein müssen, denke ich mir, als ich mich in den Schlafsack lege, während der Wind über den Pass streift und an unserem Zelt zerrt.
Höhlenkloster Wardzia
Höhlenkloster Wardzia
Die Fahrt durch den Südkaukasus besticht mit ihrer Weitläufigkeit bis wir zur Stadt „Achalkalaki“ kommen. Von dort aus tauchen wir in eine Schlucht ein, die sich über ca. 100km hinzieht. Unser Ziel heißt Wardzia. Nicht nur dass dieses kleine Dorf herrlich gelegen in einem breiten Tal liegt, auf dessen Klippen Räuberburgen aus früheren Jahrhunderten stehen. Nein, der hauptsächliche Anziehungspunkt ist ein Höhlenkloster. Der weiche Tuffstein erlaubte es den Einwohnern, im gesamten Tal Höhlen in die Felsen zu schlagen und in Zeiten der Gefahr konnten sich ~ 50.000 Menschen und Tiere dort verbergen. In Wardzia selbst kam nach einem Erdrutsch ein ganzes Kloster im Berg zum Vorschein. Das verzweigte Stadtsystem ist heute zum Teil noch von Mönchen bewohnt und wir können in den Räumen und Gängen herum kraxeln.

Adscharien

Im Staat Adscharien sind die Menschen sehr stolz und fühlen sich in erster Linie als Adscharier und nicht als Georgier. Einige Jahre wollte man eher unabhängig sein. Schließlich einigte man sich mit Georgien den Status einer autonomen Republik , Georgien jedoch beizutreten. Als wir auf die Landkarte schauen, staunen wir darüber wie stolz die Adscharier sein müssen. Denn schließlich gibt es in Adscharien eigentlich nur die Stadt Batumi und eine Hand voll Dörfer entlang der Straße, die auf der einen Seite nach Batumi hineinführt, auf der anderen hinaus. Es gibt so wenig Ortschaften, dass es eigentlich ein Staat ohne Volk gewesen wäre.

Um von Osten her nach Adscharien zu kommen, fahren wir über einen weiteren Pass in ein recht bewaldetes Gebiet. Es ist herrlicher Sonnenschein, die Vögel zwitschern, wir genießen die Kühle des Waldes und pedalen langsam und stetig den Pass hinauf. Durch das gleichmäßige Treten verfallen wir schnell in eine Art „Trott“. Der Weg schlängelt sich am Berghang entlang. Durch die vielen Windungen, kann man nicht sehr weit blicken und während ich umher schaue, nehme ich eine Bewegung vor mir in den Augenwinkeln wahr. Interessiert schaue ich nochmals zu der Stelle und.....

Julia ist ein kleines Stück hinter mir und sieht mich nun anhalten und versteht mich nicht richtig, als ich ihr etwas zuflüstere und ihr gestikulierend klarmache, dass sie anhalten und leise sein soll. Hinterher erzählt sie mir, dass sie denkt, ich sehe einen Vogel oder so. Doch weit gefehlt, denn was ich ca. 100m vor uns erspäht habe ist nichts geringeres, als ein zotteliger Bär, der vergnügt auf uns zu spaziert. Mir rutscht das Herz in die Hose. Das ist schon ein anderes Gefühl, als wenn man in den Zoo geht!
Der Wald in Georgien bietet Lebensraum für größere Tiere – unter anderem auch Bären. Wir hatten während unserer Reisevorbereitung davon gelesen, dass sie vor allem im nördlichen großen Kaukasus leben, aber dass es sie auch im Süden noch vereinzelt gibt. Daher hatten wir unsere Zeltplätze bisher so ausgewählt, dass wir uns von bewaldeten Gebieten fernhalten. Es sollten noch ca. 60 Stück im Süden leben und wir schätzten die Chance als sehr sehr gering ein, wirklich einem von ihnen zu begegnen – vor allem mitten auf der Straße.
Als ich dann mein Rad umdrehe und deutlich zu Julia sage: „Dreh um! Da ist ein Bär!“ wird auch ihr die Ernsthaftigkeit der Situation bewusst. Julia reisst ihr Rad herum und während unser Puls in die Höhe schnellt, fahren wir ein Stück bergab. Durch das Klappern unserer Räder wird der Bär auf uns aufmerksam und als wir über die Schulter zurück blicken, sehen wir, dass er sich glücklicherweise in die andere Richtung davon macht.
Uns steckt der Schrecken noch in den Gliedern und die Motivation weiter durch den Wald zu fahren, ist wie verflogen. Wir halten lieber einen Jeep an und haben Glück, dass genug Platz für uns auf der Ladefläche ist – auch wenn diese holprige Fahrt eine sehr schmerzhafte Erfahrung mit einigen blauen Flecken ist.

Bei Zviad und Magi
Bei Zviad und Magi
Nachdem wir abends immer noch im Waldgebiet sind, haben wir keine Lust zu zelten und erkundigen uns in einem Dorf nach einer Unterkunft. Zunächst ist das Dorfzentrum menschenleer und es ist kein Hotel in Sicht. Doch wie es der Zufall manchmal will, trifft man in solchen Situationen genau auf die richtigen Menschen. Zviad hält in einem schwarzen BMW an und auf unsere Frage nach einem Hotel sagt er erst mal: „Das wird renoviert und ist geschlossen!“ „Mist“ denke ich schon, als er weiterhin anmerkt, dass wir mal warten sollen und zum Telefon greift. Schließlich sollen wir ihm folgen. „Wir können ja mal schauen, was passiert“ denken wir uns und radeln hinter ihm her ins Dorf hinein.
Unsere Begegnung mit Zviad erweist sich als Glücksgriff. Seine Cousine ist die Englischlehrerin des Dorfes, deren Familie uns mit offenen Armen aufnimmt. Bei Tee, Süßigkeiten und Weintrauben werden wir auf die Ehrenplätze gesetzt und genießen die Kühle des gefliesten Vorraums in der Abendsonne. Wir werden mit allen Familienmitgliedern bekannt gemacht. Die Männer der Familie sind Seeleute und können durch den Kontakt zu internationalen Crews auf den Frachtschiffen auch Englisch sprechen. Nur die Kommunikation mit der Großmutter beschränkt sich auf Zeichensprache. Da unser Russisch doch recht rudimentär ist, ist das unsere erste Gelegenheit uns detailliert mit Einheimischen zu unterhalten und so wird der Abend recht kurzweilig.
Sie erzählen uns davon, wie sie versuchen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, von der kläglichen Rente von 100 Lari (~50€), die verglichen mit 7 Lari unter Präsident Schewadnarze dennoch ein Fortschritt sind, von ihrer generell positiven Zukunftssicht oder von der Familie. Zum Beispiel wird ein vergilbtes Fotoalbum vom Großvater hervorgeholt, dass ihn beim Besuch der DDR vorm Brandenburger Tor zeigt. Die guten alten Zeiten.
Wir haben die Ehre zusammen mit der Familie ganz traditionell adscharisch zu essen. Es gibt Brot, Auberginen in Walnusspaste, eingelegte Feigen, Butter, Kirschmarmelade und Salat. Und wo Gäste an einem Tisch sind, darf der Alkohol natürlich nicht fehlen. Julia als Frau kann sich herausreden, aber von mir wird das Trinken natürlich erwartet. Und so leert sich eine Flasche Konjak in atemberaubendem Tempo während wir einen Trinkspruch nach dem anderen ausbringen. Auf die Familie, auf die Verstorbenen und die Freundschaft. Ich proste zum ersten Mal auf Barack Obama und Angela Merkel und wahrscheinlich haben wir auf die ganze Welt angestoßen – so ganz genau kriege ich das nicht mehr zusammen. Die georgische Gastfreundschaft bleibt uns jedoch im Gedächtnis.

Swanetien und Chewsuretien


Fantastischer Blick in Ushguli
Fantastischer Blick in Ushguli
Der letzte Teil unserer Reise ist der gewaltigen Natur des nördlichen Kaukasus gewidmet. Per Marschroutka (Kleinbus) tuckern wir stundenlang ins hinterste Eck von Swanetien: Ushguli. Das kleine Dorf liegt umgeben von 4.000 - 5.000m hohen schneebedeckten Gipfeln wirklich abgelegen. Zwar wurde die Straße in die Berge bis Mestia neu geteert, sodass die Strecke eigentlich recht unbeschwerlich zu befahren ist. Neubauten und Anfänge von Tourismus in Mestia sind die Folge davon. Doch weiter nach Ushguli bleibt es abenteuerlich. Für die letzten 40km benötigen wir 3 volle und teilweise „angstschweißtreibende“ Stunden. Mitunter rumpeln wir keine 10 cm entfernt von einer tiefen Schlucht über Gebirgsgeröll...anschieben inklusive. Hierhin wären wir viel lieber per Rad gefahren, doch dafür fehlt uns schlicht und einfach die Zeit.
Ushguli ist Unesco-Weltkulturerbe, denn die dortigen steinernen Bauernhäuser, die mit Schiefertafeln gedeckt sind, werden jeweils von Wehrtürmen flankiert. Teilweise stammen diese noch aus dem 14. Jahrhundert und der Anblick der vielen Türme, die wuchtig in die Höhe ragen, erwecken den Eindruck, als wäre das Dorf eine robuste Burg. Doch vor dem mächtigen Hintergrund der Bergketten erscheinen selbst die Türme winzig. Es ist ein herrliches Panorama fürs Wandern.


Zminda Sameba vor dem Kazbeg
Zminda Sameba vor dem Kazbeg
Eine Bus- und eine Zugfahrt später fahren wir noch einmal mit den Rädern los, um die Georgische Heerstraße bis zur russischen Grenze zu erkunden. Es liegt ein weiterer Pass zwischen uns und dem Terek Tal, der uns recht viel Anstrengungen abverlangt. Doch die grandiosen Ausblicke auf Bergmassive, Schluchten und Täler sind es wert. Hier hinten befindet sich auch das wohl am meisten fotografierte georgische Motiv: Das Kloster Zminda Sameba das stolz vor dem Mt. Kazbeg (5.033m) auf der Spitze eines Hügels thront.  Hinunter blickt man in das verschlafene Dorf „Stepanzminda“, das doch inzwischen einige Unterkünfte für Touristen bietet. Diese werden bald leer stehen, denn dann legt sich der Winter über das Tal und der Pass wird verschneit und die Kälte mit tiefen Minusgraden unerbittlich sein. Doch ganz so abgeschnitten wie früher wird es auch hier vielleicht nicht mehr sein, denn anscheinend hat das world wide web hier bereits Einzug erhalten.  Der Tante Emma Laden, in dem man sich die Grundnahrungsmittel kaufen kann, heißt schließlich „International Google Shop“!!! Ob hier das Motto „Wer suchet, der findet“ namensprägend war?

Wir zwei
Wir zwei
Auch hier oben zieht die Moderne ein und lässt Georgien durch eine interessante Mischung von Vergangenheit und Zukunft in einem Licht von Stillstand und Fortschritt zugleich erscheinen. Zusammen mit viel Geschichte, kulturellem Reichtum und toller Natur macht es das zu einem attraktiven Reiseziel für den Individualtourist.